Die Lehre der Homöopathie beruht auf irrationalen Dogmen, und sie widerspricht den Gesetzen der Natur. Sie fragt nicht nach den Ursachen von Krankheiten und behandelt nur Symptome. Eine ganzheitliche Medizin sieht anders aus.

Täglich erfreuen Zeitung und Radio uns mit Horoskopen. In Buchhandlungen liegen Mondkalender und esoterische Lebenshilfen auf, und in den Regalen von Apotheken finden sich Engelsprays. Selbst Ärzte bieten – nach dem Gesetz von Angebot und Nachfrage esoterische Scheintherapien an und verdienen sich eine goldene Nase.

Als vor rund 20 Jahren einige junge Kollegen, die sich an meiner Krankenhausabteilung für Dermatologie in Ausbildung befanden, von den Wundern der Homöopathie schwärmten, suchte ich im Glauben an all die wohlklingenden Versprechen die Zusammenarbeit mit Homöopathen bei der Therapie von verschiedenen Hauterkrankungen. Ich besuchte – auch in eigener Sache – diverse Alternativmediziner und belegte sogar einen Homöopathiekurs. Doch als sich die erhofften Erfolge weder bei meinen Patienten noch bei mir einstellen wollten, wurde ich nachdenklich und beschloss, die Dogmen und Thesen der medizinischen Esoteriker gründlich zu hinterfragen.

Typisch für die Glaubensmedizin sind Wortverdrehungen zu Marketingzwecken. So wird das etablierte Medizinsystem mit dem abfälligen Wort «Schulmedizin» diffamiert – ein Schimpfwort, ausgedacht vom Homöopathen Franz Fischer vor 135 Jahren. Die Bezeichnungen «Alternativmedizin» und «Komplementärmedizin» sollen den Patienten suggerieren, dass hier echte Alternativen angeboten werden oder notwendige Ergänzungen zur «naturfernen Schulmedizin». Das Schlagwort von der «integrativen Medizin» verschleiert, dass hier medizinisch gesehen Kraut und Rüben angeboten werden.

Doch strenggenommen kann es nur eine Medizin geben – eine wirksame. Damit sind anerkannte Behandlungsverfahren gemeint, die dem Placebo überlegen sind; wobei alles, was sich bewährt, früher oder später auch Teil dieser etablierten Medizin wird.

Das Flaggschiff der irrationalen Glaubensmedizin ist zweifelsfrei die Homöopathie, ein scheinmedizinisches Verfahren, das frappant an das schöne Märchen «Des Kaisers neue Kleider» erinnert, allerdings mit dem Unterschied, dass – anders als im Märchen – die meisten Anbieter der Homöopathie keine Gauner sind, sondern Menschen, die einer Selbsttäuschung erliegen und von ihrer Therapie überzeugt sind.

Homöopathie geht auf Samuel Hahnemann zurück, dessen grösstes Verdienst es war, die Schädlichkeit der damaligen Medizin erkannt zu haben: An Aderlass und hohen Dosen giftiger Substanzen starben Patienten eher als an ihren Krankheiten. Hahnemann verzichtete bewusst auf krank machende Behandlungsverfahren.

Sein Weltbild war geprägt von den Vorstellungen seiner Zeit, der Antike und des Mittelalters. Er, der weder Bakterien, Pilze oder Viren kannte, glaubte an die Signaturlehre und den Vitalismus. Er vermutete, dass Krankheiten auf der «Verstimmung der Lebenskraft» beruhen, und glaubte an die «geistige Kraft der Materie», an die 4-Säfte-Lehre des Hippokrates sowie auch an Astrologie und das senkrechte Weltbild aller Esoteriker. Hierher gehört etwa die Vorstellung von göttlichen Planetenpflanzen, zum Beispiel der Marspflanze Belladonna, die bei fieberhaften Zuständen, die mit hochrotem Kopf, erweiterten Pupillen und Herzklopfen einhergehen, verordnet wird. Er schätzte Zahlensymbolik und die magischen Rituale der Alchemie. Er meinte, dass die Erbsünde zu chronischen Erkrankungen wie Syphilis und Krätze führt, worauf die Miasmen- und Psoralehre der Homöopathie beruht. Das alles sind obsolete Vorstellungen, die aber noch heute von vielen seiner Jünger gelehrt werden.

Die Homöopathie ist ein Konglomerat aus irrationalen, esoterischen und religiösen Dogmen, gemischt mit magischen Ritualen. Sie widerspricht allen Gesetzen der Natur, die unser Leben bestimmen, und hat in den 200 Jahren ihres Bestehens nichts zum Fortschritt der Medizin beigetragen.

Im Gegensatz zur modernen Wissenschaft, die Kritik akzeptiert und überholte Vorstellungen immer wieder revidiert, ist Homöopathie eine dogmatische, in sich geschlossene Lehre, mit zwei Haupt- und mehreren Nebendogmen. Das erste Dogma der Homöopathie lehrt, «dass Ähnliches mit Ähnlichem geheilt werden kann» (Similia similibus curentur). Diese Vorstellung gab es schon im Altertum; eine Variante der mittelalterlichen Signaturlehre. Sie meinte, dass man aus dem Erscheinungsbild einer Pflanze auf ihre Wirkung schliessen könne. Man glaubte, mit gelben Blumen eine Gelbsucht, mit roten Blüten Bluterkrankungen und mit Disteln Seitenstechen heilen zu können. So erklärte Hahnemann, dass es möglich sei, das Symptom Kopfschmerz mit verdünnten Wirkstoffen, die bei einer gesunden Testperson Kopfschmerz erzeugen, heilen zu können. Homöopathen vergleichen diese Vorgehensweise fälschlicherweise mit der Desensibilisierung bei Allergien, die aber nach anderen Grundsätzen funktionieren.

Eine weitere Säule der Homöopathie ist das Potenzieren. Dabei lautete das Dogma Hahnemanns – eine Idee, die schon Hippokrates vertrat –, dass es möglich sei, durch fortwährendes Verdünnen einer Ursubstanz ihre «geistige Kraft» und damit ihre therapeutische Wirkung zu steigern. Wesentlich dabei ist, dass die Ursubstanz nicht nur fortlaufend im Verhältnis 1:10 (D-Potenzen) oder 1:100 (CPotenzen) in Wasser oder Alkohol verdünnt, sondern dass nach jedem Verdünnungsschritt auch zehnmal – immer zum Erdmittelpunkt hin – geschüttelt wird. Eine D20-Potenz kann demnach mit dem Lösen einer Tablette im Wasservolumen des gesamten Atlantiks verglichen werden, die Potenz C60 entspricht etwa einem Salzkorn, aufgelöst im Wasservolumen von 10 000 Milliarden Sonnensystemen. Gibt das Etikett eines homöopathischen Mittels etwa Belladonna C30 an, ist demnach mit Sicherheit kein einziges Molekül Belladonna mehr enthalten.

Ursubstanz Hundekot

Tatsächlich ist die Vorstellung von Hochpotenzen ein Hirngespinst. An den Fläschchen für Homöopathika haften trotz Reinigung restliche Verunreinigungen. Auch in den Lösungsmitteln finden sich Moleküle vieler Stoffe – im reinen Alkohol sind etwa Verunreinigungen in D4-Stärke zugelassen, Grenzwerte legen Verunreinigungen des Trinkwassers fest. Bei jedem Verdünnungsschritt geraten also unzählige Stoffe in die homöopathische Lösung. Eine Diskussion, ob höhere Potenzen wirksamer seien als niedrige, erübrigt sich: Es gibt keinen Unterschied zwischen D20 und D2000, und es ist auch egal, was auf dem Etikett steht: Drinnen sind nur Lösungsmittel oder Zuckerkügelchen, auf die sie gesprüht wurden. Kein Homöopath könnte nachweisen, aus welcher Ursubstanz Mittel ab D20 erzeugt wurden.

Offen bleibt auch, was die unzähligen Verunreinigungen bewirken, die in jeder Urtinktur eingeschlossen sind. Dazu ein Beispiel: Hepar sulfuricum (Austernschale) enthält unzählige Einschlüsse, so auch gefährliche Schwermetalle. Wie genau andere Ursubstanzen zusammengesetzt sind – wie etwa Hundekot, Coca-Cola oder Mondstrahlen (auch sie werden von Homöopathen potenziert und in Apotheken angeboten) –, wird ein ewiges Geheimnis bleiben. Welche Wirkung erzielen sie bei Patienten? Und was bewirken die zugesetzten Verunreinigungen aus dem Lösungsmittel, die bei jedem Schritt automatisch mitpotenziert werden? Es müssten auch ihre «geistartigen» Eigenschaften verstärkt werden und bei Patienten entsprechende Reaktionen auslösen.

Alle Erklärungsversuche heutiger Homöopathen, wie Homöopathika denn wirken sollen, sind gescheitert: So ist die Vorstellung, dass das Lösungsmittel den «Geist» des Stoffes speichern könne, Illusion, denn Wassermoleküle wechseln ihre Gestalt in Milliardsteln einer Millionstelsekunde (Femtosekunden), sie können keine Information speichern. Dass Schütteln die Wassermoleküle verfestigen und so ein Wassergedächtnis ermöglichen soll, ist absurd: Da müsste jedes Erdbeben Hauswände verstärken, statt sie zum Einsturz zu bringen. Auch die vermutete Übertragung durch Nanobläschen, die sich durch das Schütteln angeblich bilden und die Information übertragen sollen, ist widerlegt. Wasser hat kein Gedächtnis.

Vernunftargumente und negative Studienergebnisse können überzeugte Anhänger der Homöopathie aber nicht erschüttern. Ihre Verteidigungslinie lautet: «Wer heilt, hat recht», «Wenn es nicht hilft, so schadet es nicht» und «Homöopathie kann kein Placebo sein, da es ja auch bei Kleinkindern und Tieren wirkt». Hier zeigt sich, dass vielen Menschen nicht bewusst ist, dass ein Scheinmittel nachweislich sowohl bei Kindern als auch bei Tieren wunderbar wirken kann.

Homöopathen eruieren in zeitaufwendigem Gespräch die Symptome der Patienten, um das «richtige, passende Mittel» zu finden. Es ist aber ein Ding der Unmöglichkeit, bei Kleinkindern und Meerschweinchen Symptome nach diesen festgelegten Regeln der Homöopathie zu erkunden, das würde nicht einmal Dr. Dolittle schaffen. Die meisten Globuli-Konsumenten besorgen sich in Eigenregie «etwas Homöopathisches» in der Apotheke – es sind oft Komplexmittel, die selbst von den meisten Homöopathen abgelehnt werden. Trotzdem sind sie überzeugt, dass ihnen die «homöopathische» Arznei geholfen hat. Dass Alltagsbeschwerden und sogar acht von zehn Krankheiten mit der Zeit von selbst zurückgehen, wie sie gekommen sind, ist ihnen nicht bewusst.

Homöopathie besticht – im Gegensatz zur «Schulmedizin» – mit dem Image, ganzheitlich orientiert, naturverbunden und nebenwirkungsfrei zu sein. Diese Werbeaussagen werden immer wieder wiederholt und deshalb geglaubt. Entspricht dies der Realität? Ganzheitlich? Homöopathie fragt nicht nach den Ursachen von Krankheiten und behandelt gezielt nur die Symptome, von denen Patienten berichten. Natürlich? Ausser, man zählt nicht nur Pflanzen, sondern auch Schwermetalle, Krankheitsprodukte, Röntgenstrahlen, Coca-Cola und Excrementum canis zur Natur.

Inhaltslose Zuckerkügelchen

Harmlos ist die Homöopathie obendrein nicht. So besteht immer die Gefahr, dass ernsthafte Krankheiten zunächst mit inhaltslosen Zuckerkügelchen behandelt werden, was dazu führen kann, dass eine wirkungsvolle Therapie versäumt wird und Menschen erst zur Besinnung kommen, wenn es bereits zu spät ist. Besonders gefährlich ist auch, dass viele Homöopathen ihre Behandlung mit Scheindiagnoseverfahren wie etwa Kinesiologie, Bioresonanz oder Irisdiagnostik kombinieren und sich auch oftmals als Impfgegner erweisen.

So unplausibel die Wirkung von potenziertem und weit überteuertem Nichts auch ist, Menschen wollen gern an Wunder glauben. Selbst Ärzte, von denen man meinen sollte, dass sie mehr der Wissenschaft als der Esoterik zugeneigt sind, werden Opfer ihres eigenen Wunschdenkens. Denn wir alle sind ein wenig abergläubisch veranlagt, und wer von uns ist frei von Wunschdenken? Dass viele Patienten gelegentlich von der etablierten Medizin enttäuscht werden, führt nicht selten dazu, dass sie sich kritiklos in die Hände von Heilern und Scheinmedizinern begeben, die für ihre Kunden mehr Zeit aufbringen und ihren eigenen Glauben mit Engelszungen den Patienten vermitteln.

Theodor Much in der NZZ am Sonntag vom 3. März 2014

Mike Konia

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