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Ohne das Schwein wÀre der Mensch eine arme Sau

Ohne das Schwein wÀre der Mensch eine arme Sau

Mike Konia

Man trifft sich immer zweimal im Leben, sagt man, unter Menschen. FĂŒr den Umgang mit Schweinen gilt das nicht. FĂŒr unser Schwein ist vieles ungĂŒltig, was fĂŒr andere Tiere lĂ€ngst GĂŒltigkeit besitzt und Tierrecht ist. GĂŒltigkeit gestehen wir dem Schwein lediglich in unserer eigenen Vorstellung von ihm zu – als drolliges, quietschendes, als rosiges Ferkel. BabygefĂŒhle! GlĂŒcksversprechen!

Die Wahrheit sieht anders aus. Kaum jemand nĂ€mlich hat so ein GlĂŒcksferkel in natura je einmal gesehen. In Wahrheit wohnt das rosige, quietschende, drollige und womöglich Stroh kauende Ding lediglich in unseren Köpfen. RealitĂ€t ist: Wir begegnen dem Schwein oft nur einmal im Leben – zerlegt als Kotelett auf dem Teller.

Wo sind denn alle die Schweine, die unter uns leben, um zu sterben? TierschĂŒtzer zĂ€hlen in der Schweiz ĂŒber 1,5 Millionen Tiere. Man sieht sie nicht, man hört sie nicht, sie bleiben unsichtbar – bis sie zugerichtet, angerichtet vor uns liegen. Seitdem das Schwein nicht mehr bei Bauern lebt, im Wald, auf Weiden und sommers mit anderem Vieh auf der Alp, haben wir das Tier aus unserer Mitte verbannt und als Lebensmittel in KĂŒhlvitrinen eingewiesen.

Reinliche Supernasen

Nur ein Tier, das man nicht kennt, kann man zum Nutztier entwerten. Das Schwein ist das Nutztier par excellence, ohne Schwein und seine Industrie wĂ€re der Mensch womöglich eine arme Sau. Oder aber er mĂŒsste sich eine Alternative einfallen lassen. Das Schwein gilt nicht als Wesen, sondern als Fleischlieferant. 0,9 Quadratmeter Raum fĂŒr 120 Kilogramm Schweinefleisch auf perforiertem Boden.

Das Schwein ist das Tier im Dunkeln. Entweder ist es die GlĂŒckssau, oder dann verachtet man es als Sauhaufen, als schmutzige, stinkende Kreatur. Beide Bilder fĂŒhren in die Irre.

Das Schwein, wenn man es denn lĂ€sst, ist fast so reinlich wie eine Katze. Freiwillig liegt kein Tier in seinen Exkrementen. Schweine sind sogar ausgemachte Supernasen, in Sachen Geruchssinn schlagen sie jeden Hund um LĂ€ngen. Drei Milliarden Riechsinneszellen in der Schweinsnase und die Gene der Schweine sind verantwortlich dafĂŒr, dass sie die allerbesten TrĂŒffelsucher sind. Sowohl das Haus- wie auch das Wildschwein besitzt mehr Geruchsgene als die allermeisten anderen SĂ€ugetiere, das zeigen neuere Forschungen am Erbgut.

Solche Analysen belegen auch, dass der Mensch vor rund 10 000 Jahren damit begann, aus wilden Schweinen Hausschweine zu zĂŒchten. Erste domestizierte Rassen sind demnach voneinander unabhĂ€ngig in Ostasien wie im westlichen Teil von Eurasien entstanden. Doch breites Unwissen schĂŒtzt vor MitgefĂŒhl. Unser Schwein kommt nur in der Mehrzahl vor, in Produktionseinheiten, in QuantitĂ€ten von Hunderten oder Tausenden. Es herrscht Dunkelheit um unser Schwein.

Das gilt auch wortwörtlich. In Mastbetrieben liegen Schweine zu Aberhunderten in einer Halle ohne Tageslicht. OhrenbetÀubend der LÀrm, unkontrollierbar die Hysterie, wenn zweimal im Tag Futter gereicht wird; gemÀss ihrer Natur verbringen die Tiere einen Grossteil ihrer Wachzeit damit, Futter zu suchen. Auf einmal ist da eine Riesenmenge und zahllose Konkurrenten, die einander das Futter streitig machen! Der Stress, die Belastung, die die ausgezeichnet hörenden und riechenden Schweine im Mastbetrieb empfinden, ist grausam, sagen Forscher.

Doch das Schwein in der Mehrzahl genommen gibt es nicht. Jedes Schwein hat seinen eigenen Charakter und ist eine Persönlichkeit. Vor allem aber ist es intelligent! Zoologen bescheinigen ihm die Intelligenz von Primaten. Erwiesenermassen sind Hausschweine mindestens so intelligent wie Haushunde. Sitz, Platz, Fuss – fĂŒr ein Schwein eine Kleinigkeit zu durchschauen, was sein Mensch von ihm will.

Das Drama des unsichtbaren Schweins ist das Drama des begabten Tiers. Schweine nĂ€mlich bestehen selbst den ultimativen Intelligenztest, den Verhaltensforscher kennen, den Spiegeltest: Sie erkennen sich im Spiegel wieder, ein Beleg fĂŒr eine Art von Ich- oder Selbstbewusstsein.

Es kann sogar bellen

Vom Wiener Tierarzt und Schweineversteher Josef Baumgartner sind Experimente bekannt, die beweisen sollen, dass Schweine zu Empathie fĂ€hig sind. Schweine lassen sich von der GefĂŒhlslage ihrer Kumpel anstecken. Ist ein Tier Ă€ngstlich, wird es sein Freund auch; freut es sich und springt im Kreis wie ein Hund, tollt der Kollege begeistert mit.

Neugierig, verspielt, unternehmungslustig, sozial. Schweine sind hochentwickelte Tiere mit ausserordentlichen kognitiven FĂ€higkeiten und einem schillernden, reichen GefĂŒhlsleben. Kurz und klar: Schweine reagieren in vielem Ă€hnlich wie Menschen. Forscher wissen es lĂ€ngst, und zahllose Experimente haben es bewiesen: Kaum ein Tier ist in seinem Wesen dem Menschen so nahe verwandt wie das Schwein.

Sie fĂŒhren ihre Artgenossen strategisch hinters Licht, wenn es zu ihrem eigenen Nutzen ist; das Schwein, das weiss, wo der beste Futterplatz ist, wird einen plötzlich auftauchenden Fresskonkurrenten scheinheilig zur mageren Futterstelle fĂŒhren und macht sich dann selbst eiligst hinter sein ĂŒppiges Fressen.

Schweine sind machtbewusst, sie besitzen Familiensinn, kennen Lust auf Sex, sind gierig, eifersĂŒchtig und haben oft Angst. Über zwanzig verschiedene Laute kann man inzwischen unterscheiden, und die meisten Äusserungen – Ă€hnlich dem Menschen – sind Ausdruck von Angst und Stress. Wenn es sich masslos freut, dann kann das Schwein sogar bellen.

Vor allem die soziale Ordnung von Schwein und Mensch Ă€hnelt sich frappant. In freier Wildbahn leben Schweine in Rudeln, in stark hierarchisch strukturierten Gruppen, die Rangordnung wird in harten Auseinandersetzungen erkĂ€mpft. Etwa zwanzig Tiere kennen sich, und bis zu fĂŒnfzig Tiere kann ein Schwein unterscheiden. Es weiss um Verwandtschaftsbeziehungen und pflegt besonders enge Freundschaften zu den Geschwistern. Im Schweinerudel gibt es ein Oben, ein Unten und eine breite Mittelschicht. Die heranwachsenden MĂ€nnchen, die das Rudel verlassen mĂŒssen, leben in einem solidarischen Junggesellenclan.

Ein Unterschied zum Menschenrudel allerdings ist unĂŒbersehbar: In natĂŒrlichen Gegebenheiten wird die Gruppe von einem weiblichen Schwein angefĂŒhrt. GenĂŒtzt hat das dem Tier wenig.

Auch seine Schlauheit und Intelligenz hat ihm nicht helfen können. Sein RudelfĂŒhrer, WortfĂŒhrer ist heute der Konsument.

Daniele Muscionico, Neue ZĂŒrcher Zeitung vom 4. November 2016. Illustration: Roland Hausheer