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HĂŒhnerelend

HĂŒhnerelend

Mike Konia

Die Sonne scheint in den Stall. Zufrieden picken braune Legehennen vor einer idyllischen Landschaft in der Erde. “GlĂŒckliche Schweizer HĂŒhner” hiess der Beitrag, den die Tagesschau am Ostersonntag zeigte. Darin ist von “Feng Shui im HĂŒhnerstall” die Rede und von “glĂŒcklichen HĂŒhnern fĂŒr glĂŒckliche Ostereier”.

Gallo Suisse, die Vereinigung der Schweizer Eierproduzenten, schreibt in einer Medienmitteilung an Ostern, dass 75 Prozent der Tiere in Freilandhaltung leben. “Statt in engen KĂ€figen zu sitzen, geniessen sie freien Ausgang auf dem Stallboden, picken und scharren und suchen sich fĂŒr die Nachtruhe ihren Schlafplatz im Ruhebereich auf erhöhten Sitzstangen.”

Die österlichen Werbeoffensive der Branche beschönigt die Fakten: Legehennenbetriebe dĂŒrfen bis zu 18 000 Tiere halten. Laut Sabine Gebhardt von der UniversitĂ€t Bern haben bis zu 80 Prozent der Hennen ein gebrochenes Brustbein. Die Tiere schlafen gerne auf erhöhten Stangen. Doch die sind bis zu vier Meter ĂŒber dem Boden befestigt. “Die HĂŒhner stĂŒrzen im GedrĂ€nge zu Boden oder auf andere Tiere.” Die Bauern wĂŒrden die Frakturen meist nicht bemerken, da die Hennen weiter Eier legen. Tanja Kutzer von KAGfreiland sagt: “Viele Legehennen leiden an Knochenschwund.” Auch gebrochene Beine und FlĂŒgel kĂ€men vor. Viele Tiere litten zudem an EileiterentzĂŒndungen.

Das Bundesamt fĂŒr VeterinĂ€rwesen warnt vor Verhaltensstörungen. HĂ€tten HĂŒhner zu wenig BeschĂ€ftigungsmöglichkeiten, wĂŒrden sie die Federn anderer Hennen ausreissen. Noch schlimmer sei es, wenn die HĂŒhner mit dem Schnabel die Haut verletzen: “Blut ist fĂŒr GeflĂŒgel attraktiv. Es kommt zu Kannibalismus.”

Nach 15 Monaten haben die Tiere ausgedient

Legehennen vollbringen in ihrem kurzen Leben Schwerstarbeit. Im letzten Jahr legten 2,6 Millionen Hennen 868 Millionen Eier. Das sind 330 Eier pro Huhn. Nach rund 15 Monaten haben sie ausgedient, obwohl sie ĂŒber zehn Jahre alt werden könnten. Laut Gallo Suisse leidet die EierqualitĂ€t nach einem Jahr. Die Eier wĂŒrden grösser, die Schale brĂŒchiger: “Die Nachfrage nach Eiern von Ă€lteren Hennen ist beschrĂ€nkt.”

Nadja Brodmann vom ZĂŒrcher Tierschutz wĂŒnscht sich eine lĂ€ngere Nutzung der Hennen. Praktisch alle Eierproduzenten wechseln die TierbestĂ€nde jedes Jahr. Dies verlange der Handel, um die Nachfragespitzen von Eiern an Ostern und Weihnachten besser planen zu können.

Leidvoller Weg ins Schlachthaus

Der Schweizer Tierschutz kontrolliert Betriebe, die Eier an Migros und Coop verkaufen. Laut GeschĂ€ftsfĂŒhrer Hansuli Huber werden die schlafenden Tiere fĂŒr den Transport ins Schlachthaus an den Beinen aus den Volieren gezogen. Danach werden bis zu vier Tiere pro Hand an jeweils einem Bein zu den Transportkisten getragen.

In den Kisten wird es eng. Laut der Tierschutzverordnung reicht fĂŒr eine zwei Kilo schwere Legehenne eine FlĂ€che von 18x18 Zentimetern. In jeder Kiste befinden sich bis zu 15 HĂŒhner. Laut Huber “rutschen den Tieren hĂ€ufig die FĂŒsse unter dem Körper weg”. Und im Sommer wĂŒrde es in den engen Kisten bis ĂŒber 35 Grad heiss. Hubers Fazit: “Diese Tiere sind nichts mehr wert.”

Volle Kisten dĂŒrfen laut Tierschutzverordnung bis zu vier Stunden im Stall stehen, bis zum Erreichen des Schlachthofs dĂŒrfen weitere acht Stunden vergehen.

Die Tiere mĂŒssen bei der Schlachtung nĂŒchtern sein. Daher entziehen ihnen die Bauern schon vorher Wasser und Futter. Tierschutzkontrollen zeigen: Vom Einpacken bis zum Ablad im Schlachthof bleiben die Hennen bis zu 13 Stunden ohne Wasser und bis zu 26 Stunden ohne Futter. Die hungrigen Tiere fressen in den Kisten Kot und Eier.

1,7 Millionen Hennen pro Jahr getötet

Rund eine Million Hennen reisen so jÀhrlich zum deutschen Schlachthof Stauss in Ertingen, rund 90 Fahrminuten von Kreuzlingen TG entfernt. Stauss ist ein Tochterunternehmen der Migros-Gruppe.

Das KreisveterinĂ€ramt des deutschen Landkreises Biberach kontrolliert die Hennen bei der Ankunft. Laut Sprecher Bernd Schwarzendorfer kam es mehrmals zu Beanstandungen, weil Kisten ĂŒberfĂŒllt waren. Es sei normal, dass auch “immer wieder tote Tiere dabei sind”. Stauss wendet zur Tötung ElektrobĂ€der an. Die Hennen werden bei Bewusstsein an den Beinen an ein Laufband gehĂ€ngt und kopfĂŒber ins Wasser getaucht. Strom betĂ€ubt sie.

Laut dem Schlachthof Stauss kommen “pro Lieferung und LKW rund 5000 Tiere an”. Hin und wieder gebe es Beanstandungen, weil Tiere zu leicht seien und nicht als SuppenhĂŒhner taugten. Die Schlachtung entspreche den Schweizer Tierschutzvorschriften.

Rund 200 000 Hennen werden zudem von der Trupro AG im Schlachthaus in Staad SG geschlachtet. Die toten Tiere werden in der Schweiz unter anderem zu Lyonerwurst verarbeitet.

Nicht alle Hennen können als Lebensmittel verwertet werden. Rund eine halbe Million Tiere sterben jĂ€hrlich im “Gallo Fox”. Das ist ein mit Kohlendioxid gefĂŒllter Container, der direkt vor der StalltĂŒr der Legehennen betriebe deponiert wird. Über Luken werden die Hennen in den Container geworfen. Rund 8000 HĂŒhner haben im “Gallo Fox” Platz.

Die mobile Tötungsanlage gehört Gallo Circle, einer Interessenorganisation der Schweizer Eierproduzenten. Pro vergastes Huhn zahlen die Bauern 1 Franken AufwandentschĂ€digung an Gallo Circle. Ihre Kadaver landen anschliessend in der Biogasanlage Bima Energie AG in MĂŒnchwilen TG. Hier werden sie zu Strom verarbeitet.

Zusammen ergibt das total 1,7 Millionen getötete Tiere pro Jahr.


Quelle: saldo vom 13. April 2016. Der hier publizierte Artikel ist ab der letzen Überschrift leicht gekĂŒrzt und thematisch etwas schlĂŒssiger gegliedert. Im Original erschien der Artikel unter der Überschrift «Diese Tiere sind nichts mehr wert».