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Der Beginn der Sprache

Der Beginn der Sprache

Mike Konia

Fast alle Indizien weisen in die gleiche Richtung: Der sprachliche Weg der Menschheit hatte bei den ersten echten Urmenschen (Homo ergaster) vor 1,8 Millionen Jahren begonnen.

  1. Dicke NervenkanĂ€le zur Atemkontrolle sind ein anatomisches Indiz fĂŒr Sprache. Sie finden sich seit den frĂŒhesten echten Urmenschen (Homo ergaster) vor 1,8 Millionen Jahren.

  2. Ein 1952 gefundener, 600 000 Jahre alter Heidelbergensis-SchĂ€del ist der frĂŒheste direkte Beleg fĂŒr die typisch menschliche Zungenbeinform. Ein kĂŒrzlich entdecktes, 3,3 Millionen Jahre altes Australopithecus–Baby besass dagegen ein schimpansenartiges Zungenbein. Anatomische Modellrechnungen zeigen: Der Übergang zur menschlichen Zungenbeinform geschah wahrscheinlich schon bei der Entstehung der Art Homo ergaster vor ĂŒber 1,8 Millionen Jahren. Ein Hinweis mehr, dass dieser frĂŒhe Urmensch seinen Stimmapparat anders verwendete als seine Ahnen.

  3. Über die HörfĂ€higkeiten noch Ă€lterer Menschenformen weiss man nichts. Der Homo heidelbergensis zeigt vor 600 000 Jahren eine sprachtypische Hörspezialisierung im knöchernen Ohr: Bei diesem UreuropĂ€er und Vorfahre der Neandertaler war die Form des Gehörgangs auf die optimale VerstĂ€rkung jener Frequenzen eingestellt, anhand derer sich die Konsonanten menschlicher Sprachen unterscheiden lassen.

  4. Eine wichtige Rolle fĂŒr das Sprechen spielen Schaltkreise im Gehirn, die unser sogenanntes «Sprachzentrum», das Broca-Areal, mit tieferen Hirnstrukturen, den Basalganglien, verbinden. Heute weiss man: Das Broca-Zentrum dient nicht ausschliesslich der Sprache. Vielmehr dient es allgemein dem Planen und Verstehen von Handlungen, insbesondere von feinmotorischen Bewegungen der Hand. Vor etwa 1,5 Millionen Jahren waren diese sprachwichtigen Hirnstrukturen bereits ĂŒber das Menschenaffenniveau hinaus entwickelt. Darauf deutet die Werkzeugkultur der damaligen Menschen hin.

  5. Sprechen fordert viele verschiedene geistige FĂ€higkeiten, einschliesslich dessen, was man landlĂ€ufig Intelligenz nennt. Fast jede Struktur des Gehirns ist in irgendeiner Weise an der Sprachverarbeitung beteiligt. Die allgemeine Verbesserung der Intelligenz und LernfĂ€higkeit, wie wir sie von den frĂŒhesten Urmenschen an beobachten können, optimierte also zugleich die Sprachbegabung unserer Vorfahren.

  6. Wörter sind Lautkombinationen, die nur aufgrund einer kulturellen Konvention etwas bedeuten. Sie stehen symbolisch fĂŒr das, was sie bezeichnen, auch wenn es nicht da ist. Sie können sich aufeinander beziehen, bedeuten im Zusammenhang etwas anderes als jedes Wort einzeln. All dies sind Eigenschaften menschlicher Sprachen, die in der Tierkommunikation selten oder gar nicht vorkommen. Dennoch können Menschenaffen diese speziellen Eigenheiten unserer Sprachen im Grundsatz erlernen. Die wichtigsten Intelligenz-Voraussetzungen fĂŒr eine sehr einfache Sprache waren demnach in der menschlichen Evolution frĂŒh gegeben, nĂ€mlich schon bei den Vorfahren der frĂŒhesten Menschen.

  7. Grammatik und Wörter sind von ihrer Funktion her verwandt, von ihrer Form her nicht scharf trennbar und ergÀnzen sich. Mehr noch: Die sprachgestörte Familie Brown und Schlaganfallpatienten zeigen, dass die Artikulation von Wörtern und die Grammatik neurologisch die gleiche Basis haben. Daher ist es nicht sinnvoll zu glauben, Urmenschen wÀren zwar zu Wörtern, nicht aber zu Grammatik fÀhig gewesen.

  8. Immer wenn wir sprechen, sind all jene uralten Hirnstrukturen aktiv, mit denen Affen und andere SÀugetiere ihre soziale Kommunikation regeln. Viele im Alltag hochwichtige Funktionen der Sprache sind denn auch mit den Aufgaben von Tierkommunikation engstens verwandt. Dazu gehören:

    Stimmungssignale
    Wir signalisieren beim Sprechen ĂŒber den Klang unserer Stimmen, ob wir gerade traurig oder fröhlich, böse oder freundlich gestimmt sind.

    Bindungs- und Rangsignale
    Unsere Grussrituale bestĂ€tigen beispielsweise die soziale Verpflichtung zwischen den sich GrĂŒssenden, und sie verweisen darĂŒber hinaus auf die Enge der Bindung und die HierarchieverhĂ€ltnisse.

    Fitnesssignale
    Die QualitĂ€t unserer Sprache (gute Artikulation, guter Wortschatz, korrekte Grammatik ...) ist ein Zeichen fĂŒr geistige Gesundheit und Begabung («Fitness» im darwinschen Sinne), das wir Menschen an potenzielle Kooperationspartner oder Sexualpartner senden. Nicht viel anders, als es Kanarienvögel beim TrĂ€llern tun.

    Signale der Gruppenzugehörigkeit
    So wie die gelernten «Passwörter» mancher Fledermausarten oder der regionale Dialekt von Dompfaffen signalisiert die kulturell geprĂ€gte sprachliche Form unserer Äusserungen den andern, ob wir «Insider» sind oder «Outsider», waschechte Schwaben oder Zugereiste, Mediziner oder Laien.

    Unsere Sprache stellt in diesen Bereichen natĂŒrlich ein leistungsfĂ€higeres, nuancenreicheres Medium dar als Tierkommunikation. Doch die Funktionen sind im Grundsatz die gleichen, und sie wĂ€ren schon mit einfacheren sprachlichen Mitteln erfĂŒllbar, als wir heute dafĂŒr verwenden. Das deutet auf eine KontinuitĂ€t in der Entwicklung von der «Sprache» der Tiere zur Sprache der modernen Menschen hin.

  9. Es gibt Anzeichen aus Neurologie (Spindelneuronen), Körperanatomie (das Weisse in unseren Augen) und Verhalten, die zeigen: Auch unabhĂ€ngig von Sprache sind wir Menschen mehr noch als Menschenaffen auf soziale Kooperation und Kommunikation aus. Diese Eigenart kann ein Selektionsdruck fĂŒr die Entstehung von Sprache gewesen sein.

  10. Bei Affen ist es so: Je komplexer das Sozialleben einer Art, desto grösser ihr Gehirn. Da unsere Vorfahren Menschenaffen waren (und wir nach der biologischen Klassifizierung immer noch welche sind), können wir davon ausgehen: Als vor 2,6 bis 2 Millionen Jahren in unserer Linie das Gehirn zu wachsen begann, wurde das Sozialleben intensiver und komplizierter. Dies und die vorherigen beiden Punkte legen nahe. Sprache ist als Teil einer sozialen Spezialisierung des Menschen in genau dieser Zeit entstanden – und nicht Jahrmillionen spĂ€ter durch Zufallsmutation.

Bei diesem Text handelt es sich um eine Abschrift der Seiten 240 bis 244 des Buches Warum der Mensch spricht. Eine Naturgeschichte der Sprache von Ruth Berger.