Man trifft sich immer zweimal im Leben, sagt man, unter Menschen. Für den Umgang mit Schweinen gilt das nicht. Für unser Schwein ist vieles ungültig, was für andere Tiere längst Gültigkeit besitzt und Tierrecht ist. Gültigkeit gestehen wir dem Schwein lediglich in unserer eigenen Vorstellung von ihm zu – als drolliges, quietschendes, als rosiges Ferkel. Babygefühle! Glücksversprechen!

Die Wahrheit sieht anders aus. Kaum jemand nämlich hat so ein Glücksferkel in natura je einmal gesehen. In Wahrheit wohnt das rosige, quietschende, drollige und womöglich Stroh kauende Ding lediglich in unseren Köpfen. Realität ist: Wir begegnen dem Schwein oft nur einmal im Leben – zerlegt als Kotelett auf dem Teller.

Wo sind denn alle die Schweine, die unter uns leben, um zu sterben? Tierschützer zählen in der Schweiz über 1,5 Millionen Tiere. Man sieht sie nicht, man hört sie nicht, sie bleiben unsichtbar – bis sie zugerichtet, angerichtet vor uns liegen. Seitdem das Schwein nicht mehr bei Bauern lebt, im Wald, auf Weiden und sommers mit anderem Vieh auf der Alp, haben wir das Tier aus unserer Mitte verbannt und als Lebensmittel in Kühlvitrinen eingewiesen.

Reinliche Supernasen

Nur ein Tier, das man nicht kennt, kann man zum Nutztier entwerten. Das Schwein ist das Nutztier par excellence, ohne Schwein und seine Industrie wäre der Mensch womöglich eine arme Sau. Oder aber er müsste sich eine Alternative einfallen lassen. Das Schwein gilt nicht als Wesen, sondern als Fleischlieferant. 0,9 Quadratmeter Raum für 120 Kilogramm Schweinefleisch auf perforiertem Boden.

Das Schwein ist das Tier im Dunkeln. Entweder ist es die Glückssau, oder dann verachtet man es als Sauhaufen, als schmutzige, stinkende Kreatur. Beide Bilder führen in die Irre.

Das Schwein, wenn man es denn lässt, ist fast so reinlich wie eine Katze. Freiwillig liegt kein Tier in seinen Exkrementen. Schweine sind sogar ausgemachte Supernasen, in Sachen Geruchssinn schlagen sie jeden Hund um Längen. Drei Milliarden Riechsinneszellen in der Schweinsnase und die Gene der Schweine sind verantwortlich dafür, dass sie die allerbesten Trüffelsucher sind. Sowohl das Haus- wie auch das Wildschwein besitzt mehr Geruchsgene als die allermeisten anderen Säugetiere, das zeigen neuere Forschungen am Erbgut.

Solche Analysen belegen auch, dass der Mensch vor rund 10 000 Jahren damit begann, aus wilden Schweinen Hausschweine zu züchten. Erste domestizierte Rassen sind demnach voneinander unabhängig in Ostasien wie im westlichen Teil von Eurasien entstanden. Doch breites Unwissen schützt vor Mitgefühl. Unser Schwein kommt nur in der Mehrzahl vor, in Produktionseinheiten, in Quantitäten von Hunderten oder Tausenden. Es herrscht Dunkelheit um unser Schwein.

Das gilt auch wortwörtlich. In Mastbetrieben liegen Schweine zu Aberhunderten in einer Halle ohne Tageslicht. Ohrenbetäubend der Lärm, unkontrollierbar die Hysterie, wenn zweimal im Tag Futter gereicht wird; gemäss ihrer Natur verbringen die Tiere einen Grossteil ihrer Wachzeit damit, Futter zu suchen. Auf einmal ist da eine Riesenmenge und zahllose Konkurrenten, die einander das Futter streitig machen! Der Stress, die Belastung, die die ausgezeichnet hörenden und riechenden Schweine im Mastbetrieb empfinden, ist grausam, sagen Forscher.

Doch das Schwein in der Mehrzahl genommen gibt es nicht. Jedes Schwein hat seinen eigenen Charakter und ist eine Persönlichkeit. Vor allem aber ist es intelligent! Zoologen bescheinigen ihm die Intelligenz von Primaten. Erwiesenermassen sind Hausschweine mindestens so intelligent wie Haushunde. Sitz, Platz, Fuss – für ein Schwein eine Kleinigkeit zu durchschauen, was sein Mensch von ihm will.

Das Drama des unsichtbaren Schweins ist das Drama des begabten Tiers. Schweine nämlich bestehen selbst den ultimativen Intelligenztest, den Verhaltensforscher kennen, den Spiegeltest: Sie erkennen sich im Spiegel wieder, ein Beleg für eine Art von Ich- oder Selbstbewusstsein.

Es kann sogar bellen

Vom Wiener Tierarzt und Schweineversteher Josef Baumgartner sind Experimente bekannt, die beweisen sollen, dass Schweine zu Empathie fähig sind. Schweine lassen sich von der Gefühlslage ihrer Kumpel anstecken. Ist ein Tier ängstlich, wird es sein Freund auch; freut es sich und springt im Kreis wie ein Hund, tollt der Kollege begeistert mit.

Neugierig, verspielt, unternehmungslustig, sozial. Schweine sind hochentwickelte Tiere mit ausserordentlichen kognitiven Fähigkeiten und einem schillernden, reichen Gefühlsleben. Kurz und klar: Schweine reagieren in vielem ähnlich wie Menschen. Forscher wissen es längst, und zahllose Experimente haben es bewiesen: Kaum ein Tier ist in seinem Wesen dem Menschen so nahe verwandt wie das Schwein.

Sie führen ihre Artgenossen strategisch hinters Licht, wenn es zu ihrem eigenen Nutzen ist; das Schwein, das weiss, wo der beste Futterplatz ist, wird einen plötzlich auftauchenden Fresskonkurrenten scheinheilig zur mageren Futterstelle führen und macht sich dann selbst eiligst hinter sein üppiges Fressen.

Schweine sind machtbewusst, sie besitzen Familiensinn, kennen Lust auf Sex, sind gierig, eifersüchtig und haben oft Angst. Über zwanzig verschiedene Laute kann man inzwischen unterscheiden, und die meisten Äusserungen – ähnlich dem Menschen – sind Ausdruck von Angst und Stress. Wenn es sich masslos freut, dann kann das Schwein sogar bellen.

Vor allem die soziale Ordnung von Schwein und Mensch ähnelt sich frappant. In freier Wildbahn leben Schweine in Rudeln, in stark hierarchisch strukturierten Gruppen, die Rangordnung wird in harten Auseinandersetzungen erkämpft. Etwa zwanzig Tiere kennen sich, und bis zu fünfzig Tiere kann ein Schwein unterscheiden. Es weiss um Verwandtschaftsbeziehungen und pflegt besonders enge Freundschaften zu den Geschwistern. Im Schweinerudel gibt es ein Oben, ein Unten und eine breite Mittelschicht. Die heranwachsenden Männchen, die das Rudel verlassen müssen, leben in einem solidarischen Junggesellenclan.

Ein Unterschied zum Menschenrudel allerdings ist unübersehbar: In natürlichen Gegebenheiten wird die Gruppe von einem weiblichen Schwein angeführt. Genützt hat das dem Tier wenig.

Auch seine Schlauheit und Intelligenz hat ihm nicht helfen können. Sein Rudelführer, Wortführer ist heute der Konsument.

Daniele Muscionico, Neue Zürcher Zeitung vom 4. November 2016. Illustration: Roland Hausheer

Mike Konia

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