Der Kommunikationsverantworliche einer bekannten Schweizer Nonprofitorganisation geriet beim Texten in die Zwickmühle der Sprache, als er beim Anpreisen seiner Organisation vor der Frage stand, ob diese wirklich wörtlich mit "über 2000 freiwilligen Mitarbeitenden" brillieren durfte. Oder vielleicht eben doch nur mit "über 2000 freiwillig Mitarbeitenden"?

Die Analyse der zweifelhaften Nominalphrase freiwilligen Mitarbeitenden ergibt Folgendes: Beim Sprachzeichen Mitarbeitende handelt es sich um ein so genanntes nominalisiertes Partizip, das von einem Adjektiv (freiwillig) näher bestimmt wird. Partizipien gehören zur Sprachzeichen­klasse der Adjektive. Wird nun ein Adjektiv durch ein anderes Adjektiv näher bestimmt, so verhält sich das erste Adjektiv zum zweiten wie ein Adverb zu einem anderen Sprachzeichen (Verb, Adjektiv oder Adverb). Da Adverbien bekanntlich nicht flektiert (gebeugt) werden können, wird ein Adjektiv, das eine adverbialähnliche Funktion übernimmt, auch nicht gebeugt. Es muss also heissen freiwillig Mitarbeitenden und nicht freiwilligen Mitarbeitenden.

Schema
alt

Legende
Die applikative (“adverbiale”) Funktion oder Applikation ist ein Determinationstyp, bei dem ein Adjektiv [freiwillig] entweder ein Verb, ein anderes Adjektiv [Mitarbeitende (unser nominalisiertes Partizip)] oder ein Adverb determiniert. Das determinationsbedürftige Verb, Adjektiv oder Adverb wird Basis der Applikation genannt, das determinationskräftige Adjektiv trägt die Bezeichnung Applikat. In applikativer Funktion wird das Adjektiv nicht flektiert.

Quelle
Weinrich, Harald. Textgrammatik der Deutschen Sprache. Olms, Georg, 2007.

Mike Konia

Sprache, Politik, Ökonomie, Philosophie, Literatur, Alltägliches, Kurioses