Fast alle Indizien weisen in die gleiche Richtung: Der sprachliche Weg der Menschheit hatte bei den ersten echten Urmenschen (Homo ergaster) vor 1,8 Millionen Jahren begonnen.

  1. Dicke Nervenkanäle zur Atemkontrolle sind ein anatomisches Indiz für Sprache. Sie finden sich seit den frühesten echten Urmenschen (Homo ergaster) vor 1,8 Millionen Jahren.
  2. Ein 1952 gefundener, 600 000 Jahre alter Heidelbergensis-Schädel ist der früheste direkte Beleg für die typisch menschliche Zungenbeinform. Ein kürzlich entdecktes, 3,3 Millionen Jahre altes Australopithecus–Baby besass dagegen ein schimpansenartiges Zungenbein. Anatomische Modellrechnungen zeigen: Der Übergang zur menschlichen Zungenbeinform geschah wahrscheinlich schon bei der Entstehung der Art Homo ergaster vor über 1,8 Millionen Jahren. Ein Hinweis mehr, dass dieser frühe Urmensch seinen Stimmapparat anders verwendete als seine Ahnen.
  3. Über die Hörfähigkeiten noch älterer Menschenformen weiss man nichts. Der Homo heidelbergensis zeigt vor 600 000 Jahren eine sprachtypische Hörspezialisierung im knöchernen Ohr: Bei diesem Ureuropäer und Vorfahre der Neandertaler war die Form des Gehörgangs auf die optimale Verstärkung jener Frequenzen eingestellt, anhand derer sich die Konsonanten menschlicher Sprachen unterscheiden lassen.
  4. Eine wichtige Rolle für das Sprechen spielen Schaltkreise im Gehirn, die unser sogenanntes «Sprachzentrum», das Broca-Areal, mit tieferen Hirnstrukturen, den Basalganglien, verbinden. Heute weiss man: Das Broca-Zentrum dient nicht ausschliesslich der Sprache. Vielmehr dient es allgemein dem Planen und Verstehen von Handlungen, insbesondere von feinmotorischen Bewegungen der Hand. Vor etwa 1,5 Millionen Jahren waren diese sprachwichtigen Hirnstrukturen bereits über das Menschenaffenniveau hinaus entwickelt. Darauf deutet die Werkzeugkultur der damaligen Menschen hin.
  5. Sprechen fordert viele verschiedene geistige Fähigkeiten, einschliesslich dessen, was man landläufig Intelligenz nennt. Fast jede Struktur des Gehirns ist in irgendeiner Weise an der Sprachverarbeitung beteiligt. Die allgemeine Verbesserung der Intelligenz und Lernfähigkeit, wie wir sie von den frühesten Urmenschen an beobachten können, optimierte also zugleich die Sprachbegabung unserer Vorfahren.
  6. Wörter sind Lautkombinationen, die nur aufgrund einer kulturellen Konvention etwas bedeuten. Sie stehen symbolisch für das, was sie bezeichnen, auch wenn es nicht da ist. Sie können sich aufeinander beziehen, bedeuten im Zusammenhang etwas anderes als jedes Wort einzeln. All dies sind Eigenschaften menschlicher Sprachen, die in der Tierkommunikation selten oder gar nicht vorkommen. Dennoch können Menschenaffen diese speziellen Eigenheiten unserer Sprachen im Grundsatz erlernen. Die wichtigsten Intelligenz-Voraussetzungen für eine sehr einfache Sprache waren demnach in der menschlichen Evolution früh gegeben, nämlich schon bei den Vorfahren der frühesten Menschen.
  7. Grammatik und Wörter sind von ihrer Funktion her verwandt, von ihrer Form her nicht scharf trennbar und ergänzen sich. Mehr noch: Die sprachgestörte Familie Brown und Schlaganfallpatienten zeigen, dass die Artikulation von Wörtern und die Grammatik neurologisch die gleiche Basis haben. Daher ist es nicht sinnvoll zu glauben, Urmenschen wären zwar zu Wörtern, nicht aber zu Grammatik fähig gewesen.
  8. Immer wenn wir sprechen, sind all jene uralten Hirnstrukturen aktiv, mit denen Affen und andere Säugetiere ihre soziale Kommunikation regeln. Viele im Alltag hochwichtige Funktionen der Sprache sind denn auch mit den Aufgaben von Tierkommunikation engstens verwandt. Dazu gehören:

    • Stimmungssignale
      Wir signalisieren beim Sprechen über den Klang unserer Stimmen, ob wir gerade traurig oder fröhlich, böse oder freundlich gestimmt sind.
    • Bindungs- und Rangsignale
      Unsere Grussrituale bestätigen beispielsweise die soziale Verpflichtung zwischen den sich Grüssenden, und sie verweisen darüber hinaus auf die Enge der Bindung und die Hierarchieverhältnisse.
    • Fitnesssignale
      Die Qualität unserer Sprache (gute Artikulation, guter Wortschatz, korrekte Grammatik ...) ist ein Zeichen für geistige Gesundheit und Begabung («Fitness» im darwinschen Sinne), das wir Menschen an potenzielle Kooperationspartner oder Sexualpartner senden. Nicht viel anders, als es Kanarienvögel beim Trällern tun.
    • Signale der Gruppenzugehörigkeit
      So wie die gelernten «Passwörter» mancher Fledermausarten oder der regionale Dialekt von Dompfaffen signalisiert die kulturell geprägte sprachliche Form unserer Äusserungen den andern, ob wir «Insider» sind oder «Outsider», waschechte Schwaben oder Zugereiste, Mediziner oder Laien.
    • Unsere Sprache stellt in diesen Bereichen natürlich ein leistungsfähigeres, nuancenreicheres Medium dar als Tierkommunikation. Doch die Funktionen sind im Grundsatz die gleichen, und sie wären schon mit einfacheren sprachlichen Mitteln erfüllbar, als wir heute dafür verwenden. Das deutet auf eine Kontinuität in der Entwicklung von der «Sprache» der Tiere zur Sprache der modernen Menschen hin.
  9. Es gibt Anzeichen aus Neurologie (Spindelneuronen), Körperanatomie (das Weisse in unseren Augen) und Verhalten, die zeigen: Auch unabhängig von Sprache sind wir Menschen mehr noch als Menschenaffen auf soziale Kooperation und Kommunikation aus. Diese Eigenart kann ein Selektionsdruck für die Entstehung von Sprache gewesen sein.
  10. Bei Affen ist es so: Je komplexer das Sozialleben einer Art, desto grösser ihr Gehirn. Da unsere Vorfahren Menschenaffen waren (und wir nach der biologischen Klassifizierung immer noch welche sind), können wir davon ausgehen: Als vor 2,6 bis 2 Millionen Jahren in unserer Linie das Gehirn zu wachsen begann, wurde das Sozialleben intensiver und komplizierter. Dies und die vorherigen beiden Punkte legen nahe. Sprache ist als Teil einer sozialen Spezialisierung des Menschen in genau dieser Zeit entstanden – und nicht Jahrmillionen später durch Zufallsmutation.
*Bei diesem Text handelt es sich um eine Abschrift der Seiten 240 bis 244 des Buches [Warum der Mensch spricht. Eine Naturgeschichte der Sprache](http://www.amazon.de/Warum-Mensch-spricht-Naturgeschichte-Sprache/dp/product-description/3821856874) von Ruth Berger.*

Mike Konia

Sprache, Politik, Ökonomie, Philosophie, Literatur, Alltägliches, Kurioses