Saddam Hussein durfte sich sicher fühlen. Am Vormittag des 25. Juli 1990 führte der irakische Diktator ein überaus herzliches Gespräch mit der amerikanischen Botschafterin in Bagdad, April Glaspie. Volles Verständnis zeigte die Botschafterin für die prekäre Lage, in der sich der Irak nach dem Krieg mit Iran befinde. Man wisse, dass das Land dringend Geld benötige. Und: Die USA hätten «keine Meinung zu innerarabischen Konflikten, auch nicht zu Ihren Grenzstreitigkeiten mit Kuwait».

Es war ein folgenschwerer Satz. Saddam wusste, dass die Amerikaner bestens informiert waren über seine Truppenbewegungen an der irakisch-kuwaitischen Grenze. Waren sie also stillschweigend einverstanden, dass er sich das kleine Golfemirat Kuwait einverleiben würde? Ohnehin hatten ihn die USA im Irak-Iran-Krieg als strategischen Partner betrachtet und mit Waffenlieferungen und Milliardenkrediten unterstützt, ja wesentlich zu seinem Aufstieg in der Region beigetragen. Nur acht Tage nach dem Treffen mit der amerikanischen Diplomatin, am 2. August, schlug Saddam los.

Vom Partner zum Paria

Für seinen Angriffskrieg machte Saddam historische Ansprüche sowie ökonomische Gründe geltend. Durch Überproduktion hatten Kuwait und die Vereinigten Arabischen Emirate den Ölpreis so drastisch absacken lassen, dass dem Irak nach eigenen Angaben Einnahmen im Wert von 14 Milliarden Dollar fehlten. Das durch den Krieg mit Iran ausgelaugte Regime war hoch verschuldet, konnte aber nicht darauf hoffen, dass ihm seine Gläubiger, die USA und die Golfstaaten, mit einem Schuldenerlass entgegenkamen. Mit der Besetzung Kuwaits, so Saddams Kalkül, könnte der Irak den Bankrott abwenden und gleichzeitig zum grössten Erdölproduzenten der Welt werden.

Aber hatten die Amerikaner tatsächlich «keine Meinung» zur Kuwait-Krise? Oder hatte nicht schon die Carter-Doktrin von 1980 festgelegt, den freien Zugang zu den arabischen Ölquellen für die USA notfalls mit Gewalt zu verteidigen? Saddam, dessen Hybris seinerseits keine Grenzen kannte - nach dem Sieg gegen Iran sah sich der Gewaltherrscher bereits als künftiger Führer der arabischen Welt -, übersah vollkommen, dass er schnell in der Gunst des Westens vom Partner zum Paria absteigen könnte.

Am 6. August 1990, nur vier Tage nach Saddams Einmarsch in Kuwait, verabschiedete der Uno-Sicherheitsrat auf amerikanische Initiative eine Resolution gegen den Irak. Sie sah ein Wirtschaftsembargo vor, das erst nach dem Sturz Saddams 2003 aufgehoben wurde und den Irak ins Elend stürzte. Selbst Medikamente und medizinisches Gerät wurden nicht ins Land gelassen, und so stellte ein Unicef-Bericht fest, dass allein zwischen 1990 und 1996 mehr als eine halbe Million Kinder an den Embargo- Folgen gestorben seien.

Die Saat des Hasses

Die militärische Antwort auf Saddams Annexion erfolgte dann am 16. Januar 1991 mit der «Operation Wüstensturm» - die vor allem ein von den USA angeführter Luftkrieg war: In kürzester Zeit zerstörten Hunderte von Kampfjets mit Streubomben und «Präzisionswaffen» den grössten Teil der militärischen und zivilen Infrastruktur des vormals industrialisierten Landes. Der Bodenkrieg dauerte nur wenige Tage, da die irakischen Truppen bereits zu Tausenden desertiert und durch den Luftkrieg tief demoralisiert waren. Mit dem Waffenstillstand am 3. März endete schliesslich die «Mutter aller Schlachten», wie der Krieg in Bagdad hiess.

Saddam aber wurde erlaubt, an der Macht zu bleiben, und weder die Kurden im Norden noch die Schiiten im Süden konnten auf militärischen Beistand der USA hoffen, als sie einen Aufstand gegen das Regime anzettelten. Zu Recht machte die Bevölkerung den Westen dafür verantwortlich, dass ihr Land, das vermutlich einzige arabische Schwellenland bis 1990, unter den Folgen des Embargos verelendete. So wurde die Saat des Hasses gelegt, schleichend auch zwischen den Religionsgruppen im Irak. Zu keinem Zeitpunkt war der Golfkrieg also ein «moralischer Krieg», in dem es darum gegangen wäre, ein diktatorisches Regime auszuschalten. Er war in erster Linie ein Rohstoffkrieg, in welchem die USA erstmals nach dem Ende des Ost-West-Konflikts zugleich eine Chance erkannten, ihre Weltmachtrolle neu zu legitimieren.

Neue Zürcher Zeitung vom 03.08.2015. Originaltitel: Die Mutter aller Schlachten und ihr Erbe

Mike Konia

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